Kapitel I
Schwimmteich ist nicht gleich Naturpool
- 1 -
"Mir ist so langweilig" beschwert sich Isabel, das prächtige Skalar-Weibchen, "ein ganzes Jahr sind wir jetzt schon in diesem Pool und es passiert einfach gar nichts. Das Highlight waren gerade einmal die verschwitzten Menschen, die ständig nach der Sauna in unseren Pool gesprungen sind," allein bei dem Gedanken schüttelt es sie "dieser Schweiß. Ekelhaft. Alles in unserem Pool ..."
"Schwimmteich" raunt es bereits zum dritten Mal hinter ihr. Erst jetzt bemerkt Isabel, dass Aaron sie schon wieder verbessert.
"Was meinst du?"
"Äh, wie?" erschrickt Aaron hinter seinem geliebten Fischweibchen.
Isabel stoppt umgehend ihr bis dahin eher gemütliches, fast lethargisches Dahingleiten. Schneller als ein Blitz hat sie sich umgedreht, presst ihre vor Anspannung gerunzelte Stirn fest an seine und blickt ihm tief in die Augen. "Was sagst du?"
"Nix" schreckt er zurück "gar nichts!"
Ihr Blick lässt ihn nicht los. Ihre Augen scheinen immer größer zu werden und schauen nun bedrohlich auf ihn herab.
"Schwimmteich." erwidert er schließlich kaum hörbar.
"Was?"
"Schwimmteich!" dieses Mal nur ein wenig bestimmter.
In solchen Momenten beginnt Aaron immer wieder, sich zu fragen, warum er sich eigentlich so zurückhält. Schließlich ist er doch der Mann hier.
"Wir leben in einem Schwimmteich, das ist kein Pool."
"Ach von wegen!!" Ihr Blick löst sich langsam von ihm, etwas verunsichert. Die Anspannung in Ihrem Gesicht bleibt. "Naturpool, Schwimmteich. Ist doch alles das gleiche!!"
"Das isses nicht. Und zwar ganz und gar nicht!"
"Ach klar doch. Pool, Teich - Teich, Pool. In beiden ist Wasser drin, oder?!"
"Ja ..." beginnt Aaron langsam und leicht zögerlich "... schon ..."
"Also!" schnappt sie sofort zurück "Ende der Diskussion. Ich hab' mal wieder recht."
"Haste nich."
Kaum hat er diese zwei kleinen Worte draußen, bereut er es auch fast schon wieder.
Vorsichtig öffnet Aaron seine vor Schreck zusammengekniffenen Augen. Ganz langsam.
Er blickt direkt in die weit aufgerissenen, gefühlte 0,00000001 mm entfernten Pupillen von Isabel.
"Wwwaaaaaaaas war das gerade?"
Mit einem gekonnten Schlag der Flosse weicht er ihr schnell nach hinten aus. Kaum ist er zum Halt gekommen, presst sie ihre Stirn schon wieder energisch gegen seine. Sichtlich genervt wiederholt sie ihre Frage.
Aaron findet ihre Bestimmtheit in diesem Moment durchaus ein wenig erotisch. Wie gerne würde er ihr einfach eine Flosse auf die Lippen legen und sie mit der anderen an sich ziehen, um diesen Disput zu beenden. Aber nein! Er ist der Mann, er muss sagen, wo es langgeht. Schließlich sitzt bestimmt auch wieder diese blöde kleine Garnele irgendwo in einer Felsspalte und beobachtet alles ganz genau.
"Ein Schwimmteich ist kein Pool. Noch nicht einmal ein Naturpool. Das ist etwas völlig anderes!"
"Ach so?" Isabel ist ein wenig verärgert, aber mindestens genauso angetan von Aarons neu entdeckter Energie.
Nicht selten hat sie im letzten Jahr darüber nachgedacht, ob Aaron tatsächlich der richtige Fisch für sie und die noch zu gründende Familie ist. Viel zu oft gibt er viel zu schnell Kleinbei und lässt sie immer wieder gewinnen - beim Spielen, wie beim Streiten.
Und alle Träume von Nachwuchs sind bisher zu Mikrozoobenthos zerfallen.
Aber was blieb ihr übrig? Aaron ist von Anfang an nicht nur der einzige Skalar im Schwimmteich gewesen, er war sogar der einzige andere Fisch hier. Okay, bis auf den alten, grummeligen Wels Mirko und diese flinke kleine Krabbe Kris. "Krabbe und Fisch. Das wäre ja wie Rollegel und Flusskrebs" bei dem Gedanken schüttelt es sie regelrecht. "Obwohl Aaron immer irgendwas von Garnele erzählt. Egal, das ändert nichts."
Der letzte Gedanke bringt sie zurück aus ihrer kleinen Traumwelt.
Sie schaut zu Aaron. Er hat wieder einmal dieses Funkeln in den Augen. Dieses gewisse Glitzern auf den Schuppen. Mit großen Gesten erzählt er irgendwas. Wie er da so vor ihr treibt und seinen Standpunkt verteidigt, findet sie ihn richtig anziehend. Vielleicht könnte er ja doch der richtige sein.
- 2 -
Ihr Blick hat sie verraten. Dieser leere, abwesende Blick, den Aaron immer zu spät entdeckt. Er war schon fast fertig mit seinem perfekten Monolog zu den Unterscheiden von Schwimmteich und Naturpool. Mit geschwollener Brust hat er sich gerade auf den krönenden Abschluss vorbereitet, die Erklärung, warum sie in einem Schwimmteich leben, nicht in einem Pool.
Aber dieser Blick. "Sie hat mir wieder mal überhaupt nicht zugehört" stellt er enttäuscht fest, während seine Stimme sich langsam aber sicher vom Vortrag verabschiedet.
Nun bemerkt er, wie sie langsam aus ihrer Traumwelt zurückkehrt. Er verdreht die Augen, räuspert sich kurz und beginnt einfach noch einmal von ganz vorne …
- 3 -
"Also, der Unterschied zwischen einem Schwimmteich und einem Naturpool.
Ein Schwimmteich ist kein Naturpool, aber ein Naturpool ist in gewisser Weise ein Schwimmteich. Kannst du mir folgen."
"Ja!" Isabel hat sich langsam wieder beruhigt und hört Aaron nun geduldig zu "nee, eigentlich überhaupt nicht."
"Okay. Wie ein Skalar ein Fisch ist - aber ein Fisch ja nicht automatisch ein Skalar sein muss."
"Ach so."
"Schwimmteiche, so wie dieser hier, kommen mit ganz wenig Technik aus, zum Teil sogar ganz ohne. Dafür übernehmen jede Menge Pflanzen, Steine und diese leckeren kleinen Tierchen, die hier herum schwimmen, die Reinigung des Wassers. Würden wir in einem Naturpool leben, hätten wir nichts zu fressen und müssten uns ständig vor irgendwelchen Filtern und Pumpen und Schächten in Acht nehmen. Es gäb' nicht halb so viel, oder vielleicht gar kein Grünzeug, in dem wir spielen könnten. Zwar gibt es im Naturpool auch keine Chemie, also alles wird genauso biologisch erledigt wie hier, aber mit viel mehr Technik. Dafür hätten wir aber nicht so viel Platz und wären eingezäunt von komischen geraden Wänden. Hier, im Schwimmteich, haben wir viel mehr Platz, viel mehr Pflanzen, einfach eine viel abwechslungsreiche Wohngegend. Im Naturpool würden die Menschen bis zu 85% der Gesamtfläche zum Baden und Schwimmen nutzen, wir hätten kaum Ruhe. Hier im Schwimmteich können sie aber gerade mal 40% wirklich für sich in Anspruch nehmen, der Rest bleibt uns und den Pflanzen."
"Ach so."
"Genau!" stolz bestätigt Aaron sich selbst "wie ich es dir von Anfang an gesagt habe."
"Und?" setzt Isabel nach einer kurzen Pause an "was genau ist denn jetzt der Unterschied?"